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Marrakesch: Faszination in Rot und Grün

Von Memmingen direkt nach Marrakesch

Die pulsierende Berber-Metropole mit ihrer einzigartigen mittelalterlichen Medina hat es Stefan Gruber angetan. Bereits zweimal konnte der Journalist und Fotograf die berühmteste Stadt Marokkos besuchen. Er hat dabei wertvolle Tipps für euch gesammelt.

Marrakesch ist laut, Marrakesch ist eng, Marrakesch verwirrt. Die Oasenstadt am Fuße des Atlasgebirges zieht den Besucher trotzdem in ihren Bann. Marrakesch ist vielfältig, Marrakesch fasziniert, Marrakesch überrascht. Die rote Stadt – so benannt nach den lehm-orangen Fassaden der uralten Häuser der Medina – hat mehr zu bieten als den Djemaa el Fna. Der „Platz der Gaukler“, der tagsüber Schlangenbeschwörern und Artisten gehört, ist zwar abends ein Highlight, wenn zahllose Grills und Garküchen ein riesiges Freiluftrestaurant bilden – untertags locken aber auch die geheimnisvollen Märkte (Souks), die filigrane Kunst der Paläste und die grüne Stille herrlicher Parks. Vom Flughafen Memmingen aus ist Marokkos Berber-Metropole in knapp vier Flugstunden erreichbar.

André Hellers Anima Garten

Wer den Besuch mit dem jüngsten Highlight der Millionenstadt beginnen will, muss den Shuttlebus oder – deutlich bequemer (und bezahlbar) – einen Mietwagen mit Fahrer nehmen. Dafür verspricht ein buntes Plakat am Rand der Regionalstraße, die Marrakesch mit dem Atlasgebirge verbindet, nicht weniger als „die Rückkehr des Paradieses“. Klingt ganz schön protzig, wir lassen uns mal überraschen. Vom Meister der Magie persönlich. André Heller hat hier seinen Garten Eden geschaffen – „Anima“, den neuen Zaubergarten vor den schneebedeckten Gipfeln rund um den Jebel Toubkal (4167 m).

Sanftes Knirschen begleitet jeden Schritt über den Kiesweg. Das dichte Blattwerk uralter Bäume und meterhoher Bambusgräser spendet wohltuend-kühlen Schatten in der flirrenden Luft Nordafrikas. Uns umfängt die Stille der Natur. Wie ein weit entfernter Wasserfall klingt das sanfte Rascheln der Blätter, das die Vögel mit hellem Zwitschern von der Eintönigkeit befreien. Visuell kommt nun Farbe ins Spiel, Monotonie war nie Hellers Ding. Ein Füllhorn voller rotflammender Büsche, orangeglühender Kelche und purpurner Glocken hat der heute 73-Jährige, der sich als Chansonnier, Friedensaktivist und Multimediakünstler einen Namen machte, in das wogende Grün gegossen. Paul Cézanne könnte dabei Pate gestanden sein. „Die Farbe ist jener Ort, wo unser Gehirn und das Weltall sich begegnen“, hatte der französische Landschaftsmaler einst gesagt.

Auf drei Hektar schuf Heller ein opulentes Tableau vivant aus Botanik und Kunst. Palmenstämme wurden tätowiert, ein riesiger orange-grüner Mosaikkopf duckt sich unters Buschwerk und speit feine Wasserfontänen, ein rostbraunes Schiff reckt seinen Bug aus dem grünen Ozean. Die Arche schmiedete ein Handwerker aus der Sahara, ein jüdischer Künstler bevölkerte sie mit einer Giraffe aus Drahtgeflecht, einem Kamel und Schweinchen. „Espoir“ steht an der Seitenwand, Hoffnung für Afrika.

Authentisch Übernachten in einem Riad

Hellers Inszenierung in Grün knüpft an eine jahrhundertealte Tradition Marrakeschs an. Der Garten als kontemplativer Rückzugsort, als Oase der Ruhe im orientalischen Trubel spielt seit jeher eine tragende Rolle im Lebenstheater der Menschen. Das arabische Wort Riad bedeutet nichts anderes als Garten mit Bäumen, steht aber gleichzeitig für das marokkanische Atriumhaus. Rund 1000 davon soll es in Marrakesch geben, viele von ihnen wurden restauriert und dienen als Café, Restaurant oder kleines Hotel. Die Grundkonzeption ist allen gemein: Von außen verrät nichts die architektonische Verspieltheit und erhabene Ruhe, die sie hinter mächtigen Mauern und einer meist unscheinbaren Eingangstür versteckt. Im Innenhof, ohne den ein Riad kein Riad ist (der Name leitet sich vom arabischen Wort für Garten ab), muss Grün dominieren. „Den schmücken traditionell vier Bäume: Orange, Feige, Palme und Granatapfel. Sie symbolisieren die Jahreszeiten“, erklärt Herbert Kerz. Seit 16 Jahren lebt der 78-jährige Aschaffenburger in Marrakesch, wo er sich mit dem La Maison Nomade (www.lamaisonnomade.com) den Traum vom eigenen Riad verwirklicht hat. Wer ein authentisches Quartier sucht, hervorragende landestypische Küche schätzt und die Sprachbarriere (Französisch ist Amtssprache, Englisch aber weit verbreitet) umgehen will, ist hier genau richtig. Wertvolle Tipps gibt es obendrein. Kerz weiß, wie man das unvermeidliche Feilschen in den Souks meistert, kennt die besten Adressen für exotische Gewürze und edles Arganöl, nennt lohnende Ausflugsziele in der Umgebung und organisiert Führungen durch das Gassenlabyrinth der Stadt.

Shopping in den zahlreichen Souks

„Am besten bleibt ihr immer auf der rechten Seite“, rät unser Guide, während uns schwerbeladene Eselskarren entgegenkommen und mit knatternden Mopeds ums Durchkommen kämpfen. Ein paar Schritte abseits der Hauptwege erhalten wir Einblicke in eine verborgene Welt. Der zwei Stockwerke tiefe Keller zum Beispiel, in dem ein alter Mann Sägespäne und Holzscheite in den Ofen wirft. Er heizt den Hamam. „Viele Frauen besuchen das Badehaus zwei-, dreimal die Woche“, sagt der Führer. „Für sie ist das wie das Kaffeekränzchen bei euch.“ Im Leder-Souk werden wir Zeugen der wortgewaltigen Versteigerung der Häute, im Messing-Souk fertigen Handwerker gerade Lampen und Seifenschalen, im Souk der Instrumente hängen Tambourine neben Flöten und Trommeln.

Je näher wir dem Djemaa el Fna kommen, desto lauter werden die Kaufeinladungen der Händler. In den Souks schlägt das Herz Marrakeschs. Hinter jeder Ecke taucht eine neue Schatzkammer exotischer Geheimnisse auf: Bemalte Teegläser, zuckersüßes Honiggebäck, Babouches (traditionelle Pantoffeln) und farbeprächtige Teppiche, perforierte Metalllaternen und Korbwaren. Der Basar der Stadt gilt als größter des Landes.

Der Tourismus allerdings hat Spuren hinterlassen. Souvenirs verdrängen die traditionelle Ware, die Preise klettern nach oben. „Authentischer sind viele Souks der südlichen Medina und im jüdischen Viertel“, rät uns Herbert Kerz. Die Mellah war einst die größte jüdische Enklave in der arabischen Welt. Der Markt gilt bei den Einheimischen als beste Quelle für gute Gewürze. In knalligen Farben leuchten uns getrocknete Duftblüten entgegen, das kräftige Aroma von Kreuzkümmel, Kurkuma und Kardamon hängt in der Luft, Ras el-Hanout will entdeckt werden. Jeder Händler mischt dieses traditionelle Gewürz, das oft aus mehr als 20 Zutaten besteht, etwas anders. Probieren geht hier über studieren.

Weitere Highlights in Marrakesch

Nur wenige Schritte von der Mellah entfernt liegen auch einige der herausragendsten Sehenswürdigkeiten der Stadt (die Koranschule Medersa Ben Youssef im Norden der Medina wird zur Zeit restauriert und ist nicht zugänglich). Das Grabmal der Saadier protzt mit architektonischer Wucht. Das Königsgeschlecht, das Marokko im 16. und 17. Jahrhundert regierte, hinterließ der Stadt mit seinem Mausoleum einen kulturhistorischen Schatz ersten Ranges. Erst 1920 wurde es wiederentdeckt, heute stehen die Touristen von morgens bis abends Schlange. Wer dann endlich einen Blick auf die Grabkammern der Könige und Thronfolger, der Frauen und Töchter sowie der Generäle und Minister werfen kann, wird schier erdrückt von muslimischer Ornamentik der grün-weiß-schwarzen Mosaiken, in der sich die andalusische Handwerkstradition der Zeit widerspiegelt.

Und wie haben die Herrscher im 16. Jahrhundert gelebt? Nur wenige Schritte sind es hinüber zum Palais El Badii. Es muss ein Palast wie in 1001 Nacht gewesen sein, so viel lassen die Ruinen noch erkennen. Die wenigen Stufen hinauf im Turm an der Nordostseite solltet ihr nicht links liegen lassen. Von der Terrasse beobachten wir die Störche, die reihenweise ihre Nester auf die uralten Mauern gesetzt haben.

Die mächtige Koutoubia-Moschee dürfen wir als Nicht-Muslime nur von außen bewundern, in die Wunderwelt maurischer Pracht tauchen wir kurz darauf dennoch ein: Die Architekten der Großwesire Si Moussa und Bou Ahmed haben im 19. Jahrhundert mit dem Bahia-Palast alle anderen Paläste des Landes übertroffen. Licht, Wasser und Symmetrie waren die Gestaltungsmerkmale der 80.000 Quadratmeter großen Anlage. Schattige Innenhöfe, geschmückt mit geheimnisvollen Kalligrafien, wechseln sich mit Empfangshallen ab, deren kunstvoll verzierte Decken mal aus beeindruckenden Mosaiken, mal aus wabenförmig geschnitztem Zedernholz die Besucher in einen Taumel der Sinne stürzen.

Die Magie des Orients – sie packt uns auch im „geheimen Garten“. Wie ein verwunschenes Dornröschenschloss fristete der Jardin Secret fast 100 Jahre ein trauriges Dasein. Wo Unkraut über Abbruchhalden wucherte lädt heute ein Doppelgarten zum Träumen ein – und das mitten im Gewimmel der Souks. Der Lärm bleibt draußen. Hohe Mauern schirmen den Jardin Secret ab wie einst den Riad, den Sultan Moulay `Abd-Allah im 16. Jahrhundert erbaute. Ein italienischer Investor hat den Palasthof an der Rue Moussine zwischen 2008 und 2016 wachgeküsst.

„Die über den Atlas geworfene Perle“ nennen die Berber Marrakesch. Bis heute verteilen sich unzählige Gärten und Parks über die Stadt und bilden grüne Oasen. Ruhig sind sie nicht immer. Dichtes Gedränge ist im Jardin Majorelle an der Tagesordnung, der Besuch lohnt sich trotzdem. „Am besten seid ihr schon 15 Minuten vor Kassenöffnung vor Ort“, rät uns Herbert Kerz. Der französische Maler Jacques Majorelle hat den Park 1923 mit Pflanzen aus allen fünf Kontinenten anlegen lassen – als kleines Merci an jene Stadt, in der er innerhalb kurzer Zeit von der Tuberkulose geheilt wurde. Nach Majorelles Tod kaufte der französische Modeschöpfer Yves Saint Laurent den Park, ließ ihn restaurieren und holte sich hier immer wieder Inspirationen für seine Kreationen.
Hier erklingt eine Symphonie aus Blau und Grün. Wie hohe Flöten-Soli wirken die Farbtupfer in kräftigem Zitronengelb. Das Rot der Medina ist vergessen. Friedlich plätschern Wasserläufe durch den dunklen Bambuswald, Bassins und kleine Brunnen verstecken sich unter monströsen Kakteen. Und dann dieses Blau. Kein Blau leuchtet kräftiger unter Afrikas Sonne, kein Blau perfektioniert den Kontrast zum Grün des Blätterdachs besser, kein Blau ist wie dieses .Wie eine Hadsch der Farbenjünger gleicht der Pilgerzug, der sich alltäglich andächtig dem Pavillon nähert, der Majorelle einst als Atelier diente. Yves Saint Laurent hat ihn bewahrt. Der Jardin Majorelle sollte sein Paradies werden. Mit dem Garten Anima wandelt André Heller auf Laurents Spuren.

Anreise: Mit Ryanair von Memmingen direkt nach Marrakesch

Mit Ryanair geht es von Memmingen das ganze Jahr über direkt nach Marrakesch. Zwei Mal wöchentlich fliegt die irische Airline das Ziel in Marokko an. Die Flugzeit beträgt knapp vier Stunden.
Ein Auto ist in der engen Altstadt eher hinderlich. Für Ausflüge in die Umgebung empfiehlt sich ein Mietauto mit Fahrer.

Weitere Informationen zu Marokko und Marrakesch findet ihr unter visitmorocco.com.

Mehr über Stefan Gruber? 

Hier geht’s zu seiner Website touristikfoto.com.
Auf Instagram findet ihr ihn unter instagram.com/touristikfoto.

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