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Ohrid: Balkan trifft auf mediterranes Flair

Von Memmingen nach Ohrid in Nordmazedonien.

Im September ging es für Stefan Gruber, Journalist und leidenschaftlicher Fotograf von Memmingen auf den Balkan.

Dort erkundete er die wunderschöne Stadt am gleichnamigen Ohridsee, die gerne auch mal “Gardasee des Balkans” genannt wird.

Was Stefan gemeinsam mit seinen Mitreisenden erlebt hat, lest ihr hier …

Zugegeben, vor dieser Reise musste erstmal Google ran. Mazedonien – pardon, seit Februar 2019 muss es korrekt ja Nordmazedonien heißen – zählt nicht zu den Hotspots auf der touristischen Landkarte dieser Welt. Noch nicht. Immerhin wurden das Land und speziell unsere Zielregion rund um den Ohridsee vor zwei Jahren von Lonely Planet zum fünftschönsten Reiseziele der Welt gekürt. Bislang war die Anreise aus Deutschland eher mühsam, doch jetzt gibt es eine Direktverbindung ab dem Allgäu Airport. Keine zwei Stunden fliegen wir mit dem Airbus von Wizz Air – und tauchen ein in den faszinierenden Kosmos des südlichen Balkan.

Zu Fuß lässt sich die 40 000-Einwohner-Stadt Ohrid – der Name spricht sich übrigens „Ochrid“ – perfekt entdecken. Ein Spaziergang auf der breiten Promenade, die den See im Halbrund begleitet,  erinnert ans istrische Porec oder an Torbole am Gardasee (der ähnlich groß ist wie der Ohridsee). Das mediterrane Flair umfängt uns sofort. Während die Gäste auf den Terrassen der Restaurants und Cafés die Aussicht auf die im Abendlicht glitzernden Wellen genießen, sitzen unzählige Angler an der Kaimauer und hoffen auf den großen Fang. Die Ohrid-Forelle gilt als Spezialität und steht praktisch in jedem Lokal auf der Speisekarte.

Ein Rundgang durch Ohrid

Am weitläufigen Hauptplatz gleich hinter dem kleinen Hafen haben wir erst einmal die Qual der Wahl: Links hinein in die engen, mittelalterlichen Gassen mit ihren pittoresken Erker-Häusern, oder rechts in die quirlige Fußgängerzone Sv. Kliment Ohridski, die gesäumt ist von Souvenirhops, Boutiquen und Handwerkerläden. Ok, lasst uns doch zunächst entspannt bummeln. Die Kommunikation ist übrigens auf deutsch und englisch meistens unproblematisch, die Menschen zeigen sich Touristen gegenüber sehr freundlich und offen.

Recht schnell fällt uns die Dichte der Juweliere ins Auge. Wie die Perlen auf der Kette reihen sie sich an der Straße entlang – und Perlen zieren überall die Schaufenster. Das Rätsel ist schnell gelüftet: Die Ohrid-Perle ist ein Markenzeichen der Region. Und kurios ist ihre Entstehung. „Sie wird nicht in einer Muschel gezüchtet, sondern sie wird hergestellt“, erklärt uns Vane Talev. Seit mehr als 90 Jahren zählt seine Familie zu den bekanntesten Produzenten im Ort, in seinem Laden hängen Auszeichnungen und Fotos berühmter Kunden an der Wand. Sogar die Queen soll eine Talev-Kette in ihrem Schmuck-Sortiment haben.

Aber wie wird die Perle nun gemacht? „Das ist ein Familiengeheimnis, das immer nur auf den ältesten Sohn weitergegeben wird“, erzählt Talev und wirft die Stirn bedeutungsschwer in Falten. Nur so viel lässt er sich dann doch entlocken: Asiatischer Muschelschalenperlmut, Schuppen einer speziellen heimischen Fischart, Handwerkskunst und eben das wohlgehütete Geheimnis ergeben die in sanftem Weiß glänzenden Kugeln.

Am Ende der Straße bestaunen wir die gut 800 Jahre alte Platane. Ihr gewaltiger Stamm hat 20 Meter Umfang. Im hohlen Inneren hatte sogar mal ein Barbier seinen winzigen Laden. Zwei Straßen weiter stoßen wir im türkischen Viertel auf den Markt. Jetzt im Frühherbst bieten die Bauern der Region vor allem Tomaten und Paprika in allen Größen und Variationen an. Vermischt mit Knoblauch und speziellen Gewürzen entsteht daraus der beliebte Ajvar, der hier in keiner Küche fehlt.

Jetzt darf es aber auch etwas Kultur sein. Und davon hat Ohrid jede Menge zu bieten. Die Geschichte der Besiedlung reicht bis ins neunte vorchristliche Jahrhundert zurück, „Stadt des Lichts“ lautete übersetzt der Name des antiken Lychnidos. Ohrid gilt auch als Wiege der kyrillischen Schrift, bereits seit  1980 schmückt sich die achtgrößte Stadt Nord-Mazedoniens mit dem Titel Unesco-Welterbe.

Was solltet ihr gesehen haben? Die freskengeschmückte Sophienkirche, in der 1967 die mazedonisch-orthodoxe Kirche gegründet wurde, das Kloster des Heiligen Klement, vor allem aber die Kirche St. Johannes von Kaneo. Eingerahmt von schlanken Zypressen thront das byzantinisch-orthodoxe Gotteshaus auf einem Felsen über dem See – und zieht allein der Lage wegen die Besucher an. Das Motiv ist angeblich das am häufigsten fotografierte des ganzen Landes.

Einen speziellen Live-Eindruck von Geschichte erlebt ihr in der Gutenberg-Werkstatt von Ljupco Panevski unweit des Archäologischen Museums. An (nachgebauten) Geräten aus dem 15. Jahrhundert stellt Panevski die frühe Papierherstellung vor und presst farbenprächtige Titelblätter alter Evangeliare nach.  „Die Technik habe ich mir anhand alter Skizzen selbst beigebracht“, erzählt er. „Die Kupfermodel für die Drucke entstanden nach Originalen aus slawischen Museen.“

Ein paar Schweißtropfen solltet ihr auch in den Weg hinauf zur Festung investieren. Die liegt knapp hundert Meter über dem Ort und bietet von Mauer und Türmen einen grandiosen Blick über Ohrid,  den See und die ihn umgebenden Berge.

Mit dem Auto, das problemlos bei der Ankunft am kleinen Flughafen gemietet wird, fahren wir Richtung Süden. Vorbei an etlichen modernen Hotels verlassen wir Ohrid. Immer wieder gibt die kurvige Straße, die bald meist weit oberhalb des Ufers verläuft, den Blick frei auf das mystisch im kräuselnden Wasser tanzende Licht der Sonne. Rund 3,5 Millionen Jahre soll der Ohridsee alt sein, er gilt als ältester Europas und nach dem Titicaca- und dem Tanganjikasee als drittältester der Welt.

Auf Historie treffen wir in der Bucht der Knochen. Ein prähistorisches Fischerdorf wurde hier in Pfahlbauweise im See rekonstruiert. 24 Lehmhäuser, gedeckt mit Schilf, stehen hier auf einer Holzplattform. 1995 hat ein Taucher zufällig Tongefäße und Tierknochen (daher der etwas martialische Name) entdeckt, Unterwasserausgrabungen waren die Folge.

Von der Bedeutung der Region für das frühe Christentum erzählt das Kloster Sveti Naum etwa 30 Kilometer südlich von Ohrid. Ein malerischer Park umgibt das beliebte Ausflugsziel. Ein Muss ist hier eine Bootsfahrt zu den Quellen des Sees, die vom undurchdringlichen Grün eines Urwalds umgeben sind.

Noch mehr ursprüngliche Natur finden wir im nahen Nationalpark Galicica mit seiner außergewöhnlichen Flora und Fauna. Allein 124 Vogelarten sind hier heimisch, in den Wäldern wachsen 41 verschiedene Baumarten. Zu Fuß könnt ihr den 227 Quadratkilometer großen Park ebenso erobern wie mit dem Mountainbike. Etwas Kondition schadet allerdings nicht. Der höchste Gipfel, der Magaro, erreicht 2255 Meter.

Auch Struga am Nordufer des Sees ist einen Abstecher wert. Der beliebte Badeort mit seinem weitläufigen Strand gilt als Stadt der Poesie. Seit mehr als 50 Jahren finden hier regelmäßig im August Dichtertreffen statt, Poeten aus aller Welt rezitieren ihre Werke dann in ihrer Muttersprache.

Jetzt haben wir uns aber mal eine Stärkung verdient. Das urige Restaurant Kutmicevica gilt als echter Geheimtipp. Noch finden mehr Einheimische als Touristen den Weg ins Dörfchen Vevcani und genießen an den rustikalen Tischen mit toller Aussicht auf den See die deftige Balkanküche mit Luvkani-Wurst, Auflauf, Gulasch und der legendären Teigpastete Gjomleze – und alles zu sehr zivilen Preisen. Für ein Hauptgericht mit Beilagen werden zwischen fünf und zehn Euro fällig, das einheimische Bier kostet 1,20 Euro. Apropos Kosten: Die liegen selbst in Ohrid meist deutlich unter dem Niveau vieler anderer Destinationen in Europa. Da frisst auch ein zweiter Cocktail (vier Euro) am Abend in der angesagten Cuba Libre Beach and Bar noch kein Loch in die Urlaubskasse – und wenn die Sonne langsam hinter den Bergen versinkt, vergessen wir Porec und den Gardasee.

Anreise: Mit Wizz Air von Memmingen direkt nach Ohrid

Mit Wizz Air geht es von Memmingen direkt nach Ohrid. Zwei Mal wöchentlich fliegt die ungarische Airline das Ziel in Nordmazedonien an. Die Flugzeit beträgt knapp zwei Stunden.

Ein Leihwagen schafft vor Ort mehr Flexibilität, die großen Anbieter sind am Flughafen vertreten. Das öffentliche Busnetz ist noch ausbaufähig.

Weitere Informationen zu Nord-Mazedonien und die Region am Ohridsee findet ihr unter www.macedonia-timeless.com, www.ohrid.com.mk oder www.galicica.org.mk

Mehr über Stefan Gruber? 

Hier geht’s zu seiner Website touristikfoto.com

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